Wer kann eigentlich noch Webseiten bauen?

· Webdesign · Ungefiltert · 6 Min. Lesezeit

Wer kann eigentlich noch Webseiten bauen?

Eine Frage, bewusst provokant gestellt: Wer kann eigentlich noch Webseiten bauen? Nicht: Wer kann Webseiten veröffentlichen – das kann inzwischen jeder. Sondern: Wer beherrscht das Handwerk dahinter? Die Antwort fällt unbequemer aus, als der übersättigte Markt vermuten lässt. Und am Ende dieses Beitrags hast du einen kleinen, leicht gemeinen Test für dein nächstes Dienstleister-Gespräch in der Tasche.

Jeder baut jetzt Webseiten

Der Markt ist so voll wie nie: Website-Baukästen gibt es in jeder Preisklasse, und spätestens seit Claude und ChatGPT auf Zuruf komplette Seiten erzeugen, ist die Einstiegshürde praktisch abgeschafft. Jede und jeder kann heute eine Webseite bauen – technisch gesehen. Die Folge ist ein Paradox: Die Zahl der Webseiten steigt und steigt, die durchschnittliche Qualität sinkt. Nicht unbedingt die optische, wohlgemerkt. Die Vorlagen und die KI sorgen dafür, dass fast alles erst einmal ordentlich aussieht – denselben Effekt habe ich bei den KI-Grafiken beschrieben. Es sinkt die Qualität darunter: Struktur, Technik, Strategie.

„Schön, aber sie konvertiert nicht”

Ich erlebe es regelmäßig in Erstgesprächen: Da sitzt jemand mit einer Webseite, die wirklich ansehnlich ist. Modernes Design, schöne Bilder, alles glänzt. Und dann kommt der Satz, weshalb die Person überhaupt bei mir sitzt: „Aber es passiert nichts.” Keine Anfragen, keine Anrufe, keine Aufträge. Die Seite konvertiert nicht.

Das ist der Kern des Problems: Eine Webseite ist kein Bild, das man sich ansieht – sie ist eine Maschine, die etwas erreichen soll. Und ob eine Maschine funktioniert, sieht man ihr von außen nicht an. Die Fassade können heute alle. Das Fundament ist die Frage.

Der kleine Test fürs Erstgespräch

Jetzt der versprochene, zugegeben leicht gemeine Test. Wenn dir das nächste Mal jemand eine Webseite verkaufen will, bitte ihn freundlich um eine Kleinigkeit: „Schreib mir doch mal eben das HTML-Grundgerüst auf. Aus dem Kopf.” Das ist die absolute Basis des Berufs – die ersten Zeilen jeder einzelnen Webseite dieser Welt, ungefähr so:

<!DOCTYPE html>
<html lang="de">
  <head>
    <title>Meine Webseite</title>
  </head>
  <body>
    Hier lebt der Inhalt.
  </body>
</html>

Oder noch einfacher: Frag nach einem simplen Link in reinem HTML – dem kleinsten Bauteil des Webs, das ein Berufsanfänger in der ersten Woche lernt:

<a href="https://vonheugel.de">Hier steht der Linktext</a>

Ein Tag, eine Adresse, ein Text. Mehr ist es nicht. Du wirst überrascht sein, wie viele Menschen, die beruflich Webseiten verkaufen, selbst am Link scheitern. Sie beherrschen das Handwerk nicht – bauen aber trotzdem Webseiten. Beziehungsweise: Sie lassen bauen, vom Baukasten oder von der KI, und können nicht beurteilen, was dabei herauskommt.

Der Maurer, der noch nie Mörtel angerührt hat

Übertragen wir das mal in andere Gewerke, dann wird die Absurdität greifbar. Es wäre, als würde ein Maurer dein Haus hochziehen, der noch nie Mörtel angerührt hat. Als würde ein Bäcker seine Brötchen verkaufen, der noch nie Teig geknetet hat. Es geht nicht um Spezialwissen – es geht um den allerersten Handgriff des Berufs. In jedem Handwerk würdest du höflich den Hut nehmen und rückwärts vom Hof gehen. Nur im Web akzeptieren wir seltsamerweise, dass Menschen ein Gewerk verkaufen, dessen Basis sie nicht beherrschen – vermutlich, weil das Ergebnis von außen so gut aussieht.

Was Herr Llambi dazu sagen würde

Falls du gelegentlich Let’s Dance schaust, kennst du Joachim Llambi – den gefürchtetsten Juror des deutschen Fernsehens. Während die Kollegen Emotionen bewerten, schaut Llambi konsequent nach unten: auf die Fußarbeit. Nach eigener Aussage prüft er bei jedem Tanz zuerst Takt, Fußarbeit und Körperlinien – das Fundament, auf dem alles andere steht. Mein Lieblingsurteil von ihm fiel über eine Rumba, die das Publikum begeisterte: Es habe zwar schön ausgesehen, „aber handwerklich war das nichts”.

Genau das ist der Satz, den ich jede Woche über Webseiten denke. Wenn die Fußarbeit nicht stimmt, kann obenrum die schönste Show laufen – die Wertung bleibt mies. Bei Webseiten heißt die Jury nur anders: Sie heißt Google, und sie heißt vor allem dein Besucher, der nach drei Sekunden entscheidet, ob er bleibt. Beide bewerten gnadenlos das Fundament – Ladezeit, Struktur, Führung zum Ziel – und lassen sich von der Fassade genau null beeindrucken.

Moment – bei mir baut doch auch eine KI?

Fairerweise muss ich mir die Frage jetzt selbst stellen, bevor du es tust: Ich habe öffentlich beschrieben, dass bei mir eine KI den Code schreibt. Bin ich damit nicht Teil des Problems?

Der Unterschied liegt in einer einzigen Fähigkeit: Ich kann jeden Handgriff prüfen, den mein Werkzeug macht. Meine erste Webseite habe ich mit fünfzehn gebaut – von Hand, Zeile für Zeile, lange bevor daraus ein Beruf wurde. Ich bin gelernter Mediengestalter, ich habe das Grundgerüst tausendfach geschrieben, und wenn die KI Unsinn baut, sehe ich es – und lasse es korrigieren, bevor es jemals online geht. Das ist der Unterschied zwischen einem Meister, der eine Maschine bedient, und jemandem, der von der Maschine abhängig ist. Der kleine Test misst übrigens genau das: nicht, ob jemand noch alles von Hand tippt – sondern ob er versteht, was da entsteht.

Worauf es wirklich ankommt

Damit das klar ist: Dieser Beitrag ist kein Gejammer über die guten alten Zeiten. Baukästen und KI sind großartige Werkzeuge – in Händen, die sie beherrschen. Worauf du achten solltest, wenn du eine Webseite beauftragst, sind darum weniger die Referenzen mit den hübschen Bildern, sondern die Fragen, die dein Gegenüber stellt: Fragt er nach deinem Ziel, bevor er über Design spricht? Kann er dir erklären, wie aus einem Besucher eine Anfrage werden soll? Weiß er, was unter der Haube passiert – Stichwort Fußarbeit? Und besteht er den kleinen Test, wenn du ihn mit einem Augenzwinkern stellst?

Eine Webseite, die nur schön ist, ist eine Ausgabe. Eine Webseite mit Fundament ist eine Investition. Wenn deine Seite gerade in die erste Kategorie fällt – hübsch, aber still – dann lass uns über die Fußarbeit sprechen. Ich verspreche dir ein ehrliches Urteil. Herr Llambi wäre stolz.

Du willst Marketing, das dich sichtbar macht? Lass uns sprechen.

Kontakt aufnehmen

Praxis-Impulse fürs Postfach

Ab und zu ein Impuls, der dein Marketing weiterbringt – konkret, ohne Fülltext. Kostenlos, jederzeit abbestellbar.

Mit dem Eintragen erhältst du eine Bestätigungsmail (Double-Opt-in). Wie wir deine Daten verarbeiten, steht in den Datenschutzhinweisen.

Manuel von Heugel

Manuel von Heugel

Geschäftsführer, von Heugel Marketing GmbH

Seit über 20 Jahren im Marketing zu Hause: als Berater, Ausbilder, Dozent, Grafiker und Programmierer. Hier schreibe ich über das, was Marketing wirklich erfolgreich macht – konkret, fundiert und ohne Umschweife.

Mehr über mich

Das könnte dich auch interessieren