Die Grafik-KI-Seuche
· KI (Künstliche Intelligenz) · Corporate Design · 5 Min. Lesezeit
Vorweg ein Versprechen: Das hier wird kein Rundumschlag gegen KI-Bilder, und es endet auch nicht mit erhobenem Zeigefinger. Im Gegenteil – wie du KI-Grafiken deinen eigenen, unverwechselbaren Look verpasst, dazu veröffentliche ich in Kürze eine eigene Anleitung hier im Blog. Aber bevor die Therapie kommt, müssen wir über die Diagnose sprechen. Und die beginnt in deiner Hosentasche.
Öffne deinen WhatsApp-Status
Mach das ruhig mal ganz bewusst: Öffne WhatsApp und klick dich durch die Status-Meldungen der Unternehmen, denen du folgst. Der Zaunbauer postet eine Grafik. Der Metallbauer auch. Der Elektriker, der Fitnesscoach – alle sind sichtbar, alle posten regelmäßig, alles sieht ordentlich aus.
Und genau das ist das Problem: Es sieht alles gleich aus. Derselbe weiche Verlauf, dieselbe Hochglanz-Anmutung, derselbe Bildaufbau, dieselbe Stimmung. Vier völlig verschiedene Betriebe, vier völlig verschiedene Zielgruppen – ein einziger Look. Wenn du das Logo abdeckst, kannst du nicht mehr sagen, wessen Grafik du gerade ansiehst.
Der Segen: Grafik für alle
Zur Ehrlichkeit gehört zuerst das Zugeständnis: Was KI-Bildtools heute leisten, ist beachtlich. Ein Handwerksbetrieb ohne Grafikbudget, ohne Agentur und ohne Photoshop-Kenntnisse erstellt in fünf Minuten eine Grafik, die vom Grundsatz her erst einmal in Ordnung ist. Sauber aufgebaut, lesbar, ansehnlich.
Das ist keine Kleinigkeit. Gestaltung, die früher Geld oder Können voraussetzte, ist plötzlich für jeden zugänglich. Wer das als Grafiker nur verteufelt, hat den Blick auf die Realität kleiner Betriebe verloren.
Der Fluch: Wenn alle dasselbe Werkzeug gleich bedienen
Der Einheitslook entsteht nämlich nicht, weil die KI nur einen Stil könnte. Er entsteht, weil fast alle sie gleich bedienen: Man tippt „erstelle mir eine Grafik für einen Elektrobetrieb” und nimmt, was kommt. Die KI liefert dann ihren Durchschnitt – das statistische Mittel aus Millionen Trainingsbildern. Und der Durchschnitt sieht bei jedem Absender gleich aus, egal ob er Zäune baut oder Fitnesspläne schreibt.
Das Werkzeug ist nicht das Problem. Der immer gleiche, gedankenlose Einsatz ist es.
Form, Farbe, Stil – dann erst der Inhalt
Warum ist das so schlimm? Weil es den eigentlichen Kern von Marketing trifft. Was die meisten vergessen: Menschen assoziieren zuerst Formen, Farben und Stil – und erst danach nehmen sie den Inhalt wahr. Das lila Rechteck erkennst du als Schokoladenmarke, bevor du ein Wort gelesen hast. Die geschwungene Linie auf dem Sportschuh braucht keinen Text.
Wiedererkennbarkeit ist keine Kür, sie ist die Grundlage, auf der alles andere aufbaut. Jede Grafik, die ein Unternehmen veröffentlicht, zahlt entweder auf diese Wiedererkennbarkeit ein – oder sie verwässert sie. Der Einheitslook macht Letzteres: Die Identität der Unternehmen wird mit jedem Posting austauschbarer. Du wirst gesehen, aber nicht erkannt. Und was nicht erkannt wird, wird nicht erinnert.
Die schleichende Austauschbarkeit
Das bleibt längst nicht mehr im Digitalen. Fahr eine Landstraße entlang und schau auf die Plakate am Straßenrand, die Banner am Bauzaun, die Anzeigen im Wochenblatt: Du erkennst auf den ersten Blick, was KI-generiert ist. Derselbe Look, der dir im WhatsApp-Status begegnet, klebt jetzt an der Bushaltestelle.
Das Tückische daran: Es passiert schleichend. Keine einzelne Grafik ist das Problem – jede für sich ist ja „ganz okay”. Aber in der Summe entsteht ein visuelles Grundrauschen, in dem kein Absender mehr hervorsticht. Alle senden, keiner wird unterschieden.
Realitätscheck: Sehe nur ich das?
Jetzt die Frage, die ich mir selbst stellen muss: Ich bin gelernter Mediengestalter und arbeite seit über 20 Jahren mit Gestaltung – natürlich sehe ich diese Muster sofort. Aber interessiert das den normalen Kunden eines Zaunbauers überhaupt? Vermutlich nimmt er den Einheitslook nicht bewusst wahr. Er scrollt, sieht die Grafik, scrollt weiter.
Und noch ehrlicher: Viele dieser Betriebe haben vorher gar nichts gepostet. Jetzt sind sie sichtbar – und sichtbar mit Durchschnittsgrafik schlägt unsichtbar mit gar nichts. Wer durch KI-Tools überhaupt erst den Einstieg in regelmäßige Kommunikation gefunden hat, hat etwas richtig gemacht, nicht falsch. Es kommt am Ende auf das Ergebnis an, nicht auf das Geschmacksurteil eines Grafikers.
Nur: Das bewusste Wahrnehmen und das unbewusste Wirken sind zwei verschiedene Dinge. Der Kunde analysiert den Look nicht – aber er erinnert sich trotzdem an nichts. Die Assoziation von Form, Farbe und Stil arbeitet auch dann, wenn niemand darüber nachdenkt. Genau deshalb ist sie so wertvoll, wenn sie dir gehört – und so wertlos, wenn sie allen gehört.
Der Unterschied liegt im Input
Die gute Nachricht: KI kann individuelle Grafiken. Sie tut es nur nicht von allein. Der Unterschied zwischen Einheitslook und eigenem Look liegt nicht im Werkzeug, sondern in dem, was du hineingibst: Wer der KI seine Markenidentität mitgibt – definierte Farben, wiederkehrende Formen, einen beschriebenen Stil – bekommt Grafiken, die zu ihm gehören. Wer nur „mach mir ein Bild” tippt, bekommt den Durchschnitt von allen.
Das setzt voraus, dass diese Identität existiert, bevor das Werkzeug zum Einsatz kommt. Farben, Formen, Bildsprache, Tonalität – das ist die Hausaufgabe, die keine KI für dich erledigt. Danach aber wird sie vom Gleichmacher zum Verstärker. Wie das konkret geht, Schritt für Schritt, zeige ich dir im angekündigten Guide – von den Markenbasics bis zum fertigen Prompt. Ich arbeite selbst täglich mit KI, nach klaren Regeln und mit klaren Vorgaben – genau deshalb weiß ich: Sie kann beides sein, Seuche oder Superkraft.
Und falls du gerade merkst, dass deine eigene Marke diese Hausaufgabe noch vor sich hat: Genau dabei helfe ich dir – damit deine nächste Grafik erkannt wird und nicht nur gesehen.
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Manuel von Heugel
Geschäftsführer, von Heugel Marketing GmbH
Seit über 20 Jahren im Marketing zu Hause: als Berater, Ausbilder, Dozent, Grafiker und Programmierer. Hier schreibe ich über das, was Marketing wirklich erfolgreich macht – konkret, fundiert und ohne Umschweife.
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